Zellfrisch Podcast - Nina Ruge im Gespräch mit Professor Alexander Kurz, Vorstand der Deutschen Alzheimer Gesellschaft

Zellfrisch Podcast – Folge 1

Demenz und Alzheimer –
wie vergisst man eigentlich?

Nina Ruge im Gespräch mit Professor Alexander Kurz, Vorstand der
Deutschen Alzheimer Gesellschaft

Die Köpfe dahinter

NINA RUGE

Sie ist Moderatorin, Wissenschaftsjournalisten, Biologin und Buchautorin: Nina Ruge. In ihrem aktuellen Buch „Altern wird heilbar: Jung bleiben mit der Kraft der drei Zellkompetenzen“ beleuchtet sie gemeinsam mit dem Forscher Dr. Dominik Duscher Alterungsprozesse im Körper, altersbedingte Erkrankungen und wie wir solche Prozesse aufhalten können. In diesem Podcast möchte sie herausfinden, wie wir Demenz oder Alzheimer vorbeugen können, welche neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse es gibt und wie Betroffene und Angehörige mit der Diagnose umgehen. Hier ist Nina Ruge.

Nina Ruge: Ein neuer Podcast, ein unvergesslicher Podcast, so hoffen wir. Willkommen zu Zellfrisch – der unvergessliche Podcast über Alzheimer und Demenz. Sechs Folgen warten auf Sie. Ich spreche mit Experten darüber, wie man wertschätzenden Umgang mit Demenzpatienten lernen kann. Wir ergründen, welche Möglichkeiten es gibt, Alzheimer-Demenz vorzubeugen und schauen besonders auf das Fasten, die Ernährung und auf das fantastische Selbstreinigungssystem unserer Zellen: die Autophagie. Wir beleuchten einen Hoffnungsträger, der ein Naturstoff ist, nämlich Spermidin und wir informieren über den aktuellen Forschungsstand. Wie entsteht eine Demenz und was kann man heute dagegen tun? Und genau zu diesem Thema habe ich einen Topexperten zu Gast.

PROFESSOR ALEXANDER KURZ

ist Psychiater und Psychotherapeut am Klinikum rechts der Isar an der Technischen Universität München. Dort hat er 1985 die Memory-Klinik aufgebaut und in der Folge über mehr als 25 Jahre geleitet. Er war an der Gründung der Alzheimer Gesellschaft München beteiligt, die dann zur Keimzelle der Deutschen Alzheimer Gesellschaft wurde, wo er seit 1997 im Vorstand mitarbeitet.

Ungekürztes Manuskript

Nina Ruge: Willkommen Professor Alexander Kurz. Toll, dass Sie dabei sind!

Alexander Kurz: Dankeschön, dass ich dabei sein darf.

Nina Ruge: Sie kümmern sich ja seit über 30 Jahren um Ihre Demenzpatienten. Das heißt, Sie kennen sämtliche Facetten dieser Erkrankung wie kaum ein anderer. Darf ich als Einstieg fragen, mit welcher Haltung, mit welchen Gefühlen Sie mit diesen Menschen umgehen?

Alexander Kurz: Eine Demenz nimmt einem Menschen nach und nach immer mehr Fähigkeiten, Eigenschaften, Ziele und Wünsche weg. Die waren aber sein Leben. Das ist sehr schmerzlich und niederschmetternd. Ich habe immer versucht, durch die Symptome der Demenz hindurch auf den Menschen zu schauen und mit der Hilfe von meinen Kolleginnen und Kollegen ein wenig von der Person zu erhalten oder zurückzubringen, die einmal war. Wenn man trotz einer Demenz ein bisschen Glück empfinden kann, dann vielleicht so.

Nina Ruge: Die Emotionalität dieses Anliegens ist Ihnen wirklich anzuspüren. Vielleicht zum, ja, ein bisschen nüchternen Einstieg, aber ich glaube, das ist doch notwendig. Alzheimer, Alzheimer-Demenz und Demenz, das sind Begriffe, die werden oft durcheinandergewürfelt. Und vielleicht sollten wir die mal von Ihnen als Wissenschaftler schön sortiert bekommen.

„Demenz ist ein Mosaik von Symptomen“

Alexander Kurz: Also der Unterschied ist leicht erklärt. Die Demenz ist ein Mosaik von Symptomen, das durch viele verschiedene Ursachen entstehen kann. Zu dem Mosaik gehören kognitive Störungen z. B. des Gedächtnisses, der Aufmerksamkeit oder der Sprache, eine abnehmende Fähigkeit zur Erledigung von Alltagsaufgaben: mit dem Zug irgendwo hinfahren, den Haushalt organisieren oder eine Mahlzeit zubereiten. Und Veränderungen des Gefühlslebens, die gehören auch dazu: Antriebslosigkeit, Unruhe oder Reizbarkeit. Welche einzelnen dieser Mosaiksteinchen im Vordergrund stehen, das hängt von der Ursache ab und vor allen Dingen von den Stellen im Gehirn, die davon betroffen sind. Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste dieser Ursachen. Sie betrifft vor allen Dingen das Schläfenhirn, also hier hinter den Ohren. Das Alzheimer-Mosaik ist durch Vergesslichkeit, Wortfindungsstörungen, Orientierungsschwierigkeiten und der daraus folgenden Hilfsbedürftigkeit im Alltag gekennzeichnet. Das ist die Alzheimer-Demenz.

Nina Ruge: Und wir schätzen, dass es circa 70 % der Demenzerkrankten sind, die Alzheimer haben?

Alexander Kurz: Ja, zwei Drittel ungefähr.

Nina Ruge: Und deshalb sagt man eben Alzheimer-Demenz. Demenz als Klärung, dass es sich um eine Demenz handelt, die aber der Typ Alzheimer ist.

Alexander Kurz: Genau.

oder doch ein natürlicher Alterungsprozess?

Nina Ruge: Wir haben verstanden. Jetzt hat man ja früher gesagt: Na gut, ein alter Mensch wird dann halt ein bisschen tüddelig. Also, Alzheimer und Demenz, das ist eine ganz normale Alterserscheinung. Das ist keine Krankheit. Wir denken heute anders darüber, nicht wahr?

Alexander Kurz: Ja, wenn man einen Pathologen, der also das Gehirn genau sehen kann, der es untersucht, fragt: Was ist der Unterschied zwischen einem Gehirn im normalen Alter und dem Gehirn, bei einem Menschen, der zu Lebzeiten eine Alzheimer-Krankheit hatte, dann wird er sagen, dass es eine Kombination von Veränderungen im Gehirn bei der Alzheimer-Krankheit gibt, die in dieser Form bei gesunden, älteren Menschen nicht vorkommt. Und das ist die Verbindung, über die wir hier nachher noch sprechen werden, von diesen Amyloid-Ablagerungen, von den Plaques, und von den Veränderungen in den Nervenzellen selber und der Verlust von Nervenzellen – von vielen Nervenzellen – in weiten Bereichen des Gehirns. Also, wenn der Neuropathologe so etwas sieht, dann sagt er: Das ist Alzheimer. Wenn er es nicht sieht, dann sagt er: Das ist Alter.

Nina Ruge: Und das heißt also, eine Altersvergesslichkeit, wie sie ja bei ganz, ganz vielen relativ harmlos vorkommt, muss keine Demenz sein, sondern das ist dann tatsächlich eine leichte „Alterserscheinung“.

Alexander Kurz: Es kommt darauf an, wie genau man hinschaut. Also Vergesslichkeit, die nur gelegentlich auftritt, das würde ich nicht als einen Vorboten der Alzheimer-Krankheit oder einer Demenz sehen. Wenn die Vergesslichkeit aber zunimmt und wenn sie im Alter zu Einschränkungen führt, zu Pannen und zu Fehlern, dann würde ich sagen, ist das Risiko schon erhöht, dass jemand in ein paar Jahren dann eine Demenz haben kann.

Nina Ruge: Dann lassen Sie uns doch mal genauer anschauen, was da im Gehirn passiert. Man ist ja bis heute nicht zu 100 % informiert, was an komplexen, offensichtlich sehr komplexen Kaskaden im Gehirn abläuft, dass es zu einer Demenz oder eben auch speziell zu einer Alzheimer-Demenz kommt. Ist es richtig, dass man heute sagt, es ist nicht eine Ursache, sondern ist wirklich eine Kaskade des Versagens?

Komplexe Kaskaden im Gehirn

Alexander Kurz: Es sind zumindest einige biologische Vorgänge auf der zellulären Ebene daran beteiligt. Es ist, wie Sie sagen, nicht ganz eingleisig, aber nach heutiger Auffassung gibt es schon so einen zentralen Strang der Ereignisse. Sie haben es Kaskade genannt – das ist auch richtig – Diesen Strang, den man nach wie vor für richtig hält. Das Ganze beginnt nach heutiger Auffassung mit einem Ungleichgewicht zwischen der Erzeugung, dem Abbau und Abtransport eines bestimmten kleinen Eiweißes. Das ist das Beta-Amyloid. Am besten kennt man das von familiären Krankheitsfällen. Da ist es so, dass Mutationen in drei verschiedenen Genen dazu führen, dass entweder der Grundstoff, aus dem dieses Amyloid gebildet wird, oder die Enzyme, die diesen Grundstoff auseinanderschneiden und das Amyloid erzeugen, verändert sind. Und da entsteht zu viel von einer Form des Amyloids, die verklebt und dann schlecht abgebaut werden kann. Die familiären Fälle sind aber selten, das ist weniger als 2 %. Aber man kennt da die Mechanismen am besten.

Bei den nicht-familiären Fällen, also bei der überwiegenden Mehrheit, funktioniert die Produktion von Amyloid normal, es ist also nicht zu viel, aber es gibt viele Hinweise darauf, dass der Abbau, das Auseinanderschnipseln von dem Amyloid zum Recycling und der Abtransport aus dem Gehirn heraus nicht nachkommt. Und wenn sich dieses Amyloid außerhalb der Nervenzellen (es wird innerhalb der Nervenzelle gebildet, dann wird es hinaus transportiert,) wenn es sich dort ablagert, entstehen diese Flecken, die Plaques.

Was man nicht genau weiß, ist, wie es zu der zweiten charakteristischen Veränderung kommt, nämlich zu den Neurofibrillenbündeln, die innerhalb der Nervenzellen entstehen, vor allen Dingen in den Nervenzellen-Fortsätzen. Die bilden sich aus einem kleinen Protein, das heißt Tau (Redaktion: griechischer Buchstabe τ). Dieses Tau sitzt an Transport-Röhrchen in der Nervenzelle, so ungefähr wie die Schwellen an einer Eisenbahnschiene. Sie verlieren ihre Fähigkeit da zu binden, sie lagern sich zusammen und es verklumpt. Und dadurch kann die Nervenzelle nicht mehr gescheit funktionieren. Dadurch kommt eine Nervenzellschädigung zustande und gleichzeitig, während die Nervenzellen diese Veränderungen erfahren, gibt es eine Wucherung von Stütz- und Abwehrzellen, die es auch im Gehirn gibt. Nervenzellen werden zugrunde gehen, das kann man unter Umständen sehen. Das nennt man eine Hirn-Atrophie. Und wenn die Nervenzellen weggehen, dann kommt es zu einem Ausfall von Überträgerstoffen, mit denen die Nervenzellen untereinander kommunizieren. Und das führt zu einer weiteren Funktionsstörung. So stellt man sich die Kaskade vor. Die Symptome kommen ganz am Schluss.

Nina Ruge: Und dieser ganze Prozess läuft ganz, ganz langsam und zum Teil über Jahrzehnte, bevor die Symptome der Krankheit überhaupt wahrzunehmen sind, nicht wahr?

Alexander Kurz: Ja.

Nina Ruge: Das ist natürlich brutal. Vielleicht noch ganz kurz das Thema, was, glaube ich, noch nicht so lange in der Wissenschaft akut ist, nämlich die bösen Inflammasomen, also entzündliche Prozesse, die dazukommen.

Alexander Kurz: Ich hab vorhin etwas von den Stütz- und Abwehrzellen des Gehirns erzählt. Es gibt im Gehirn eine Immunabwehr. Es gibt also eine Armee von Zellen, die darauf reagieren, wenn Fremdkörper da sind, wenn Viren da sind, wenn Entzündungen da sind. Diese Stütz- und Abwehrzellen werden angeregt, wenn in der Nachbarschaft Nervenzellen zugrunde gehen. Wenn sich das Beta-Amyloid ablagert, dann fangen sie an aktiv zu werden und das ist die Entzündungsreaktion.

Entzündungen – zu viel des Guten

Diese Entzündungsreaktion ist eigentlich etwas Normales, hat eine Schutzfunktion. Aber bei der Alzheimer-Krankheit passiert zu viel davon, ist also überschießend. Und auf diese Art und Weise führt diese Immunreaktion zu einer zusätzlichen Schädigung der Nervenzellen. Die Inflammasomen sind an sich nicht böse, sondern sie sind ein Meldesystem, das den Abwehrzellen sagt: Aha, du musst aufpassen, da gibt’s etwas abzuwehren, da ist ein Virus oder da ist irgendein Fremdkörper oder da sind Nervenzellen, die nicht mehr funktionieren – mach die weg! Es ist ein Meldesystem. Aber wenn man dieses Meldesystem ein wenig bremst, ein wenig dämpft, dann könnte es sein, dass man den Zusatzschaden, der durch diese überschießende Immun- und Entzündungsreaktion verursacht wird, ein wenig abmildert.

Nina Ruge: Und um das Ganze noch ein bisschen komplexer zu machen, es ist ja wohl so: Wenn der Pathologe ein Gehirn eines Verstorbenen sich anschaut, dann ist es manchmal so, dass ein Patient mit einem stark verplaqueten Gehirn, also ganz, ganz viel Plaque, gar nicht so viel Demenz entwickelt hatte und einer, der relativ wenig Plaques hatte, aber eine starke Demenz. Das gibt’s auch.

Alexander Kurz: Ja, diesen Widerspruch kennt man schon ziemlich lange. Wenn man untersucht, wie der Zusammenhang zwischen diesen Amyloid-Ablagerungen und den klinischen Symptomen ist, der ist nicht sehr eng. Jetzt fragt man sich: Woran liegt denn das? Bei manchen Menschen, wie sie sagen, ist das Hirn voll mit Amyloid, aber sie merken gar nichts davon. Da kommt etwas ins Spiel, was für mich jahrelang sehr interessant war, nämlich das, was wir die zerebrale oder kognitive Reserve nennen. Also offensichtlich ist die Widerstandsfähigkeit des Gehirns gegenüber so langsam entstehenden Veränderungen individuell sehr unterschiedlich. Einer verträgt viel davon und der andere fast gar nichts. Der kriegt dann sehr schnell die Symptome. Womit hängt das zusammen? Das hängt damit zusammen, erstens, wie groß das Gehirn ist. Mehr Hirn ist besser. Zweitens, wie gut das Hirn trainiert ist. Ausbildung ist wichtig und was einer in seinem Leben gemacht hat, ist wichtig. Also wenn einer nur auf der Couch gelegen hat und nichts getan hat, dann hat er sehr wahrscheinlich eine geringere Reserve, als wenn er jeden Tag mit Frau Ruge z. B. zu tun gehabt hätte.

Plaques, die sich nicht auflösen

Nina Ruge: Vielen Dank für das intellektuelle Kompliment. Vielleicht fassen wir jetzt nochmal zusammen. Wir kommen jetzt gleich von dem, was Sie gerade gesagt haben, auch zur Prophylaxe. Wie können wir eigentlich verhindern, zumindest verschieben, dass wir gefährdet sind für Demenz? Welche Rolle das Müllentsorgungs- und Recyclingsystem in unserem Gehirn hat?

Ich fasse es jetzt mal für mich zusammen: Die Beta-Amyloide werden ja von Kindesbeinen an – es sind so kleine Proteinstückchen – auf der Oberfläche der Nervenzellen innen und außen regelmäßig mit kleinen Enzym-Scheren abgeschnitten, und sie werden im Normalfall wegtransportiert. Es könnte also sein, das wäre jetzt also meine erste Frage, dass die Müllentsorgung bei Demenzpatienten besonders schlecht funktioniert und sie deswegen, weil sie nicht so gut abtransportiert werden, verklumpen können. Sie neigen grundsätzlich zur Verklumpung, aber nur dann, wenn sie eben nicht weggespült oder recycelt werden. Ist das schon mal, ganz populärwissenschaftlich gedacht, ein Ansatz für die Ursache von Plaques?

Alexander Kurz: Da ist eine Teilursache. Diese Müllabfuhr gibt’s tatsächlich. Und die Müllabfuhr funktioniert bei Menschen mit einer Alzheimer-Krankheit nicht besonders effizient, könnte man sagen. Das ist in vielen Untersuchungen nachgewiesen worden.

Wie funktioniert diese Müllabfuhr? Also Nervenzellen – das sind ein Haufen Proteine, Proteinbestandteile, Zellorganellen – leben nicht ewig, sondern haben eine begrenzte Lebensdauer. Dann werden sie zerschnippelt und der Abfall der Zelle, der Zellschrott, könnte man sagen, kommt raus. Und zwar wird er nicht über ein Lymphsystem abtransportiert, weil es das im Gehirn gar nicht gibt, sondern es ist ganz raffiniert: Er wird an der Außenseite der kleinen Blutgefäße entlang transportiert zu den Hals-Lymphknoten hinunter und dann kommt er in das venöse System. Man bezeichnet das als das glymphatische System des Gehirns. Und interessanterweise ist dieses System vor allen Dingen in der Nacht aktiv – bei uns allen. Also wer schlecht schläft, hat auch mehr Amyloid im Gehirn und wer gut schläft, bei dem wird es besser entfernt. Also den Zusammenhang gibt’s tatsächlich und die Müllabfuhr funktioniert bei Alzheimer leider nicht gut.

Was kann man dagegen tun? Das ist eine große Frage. Wie kann man die Müllabfuhr besser machen? Bei einem Bein, wo die Lymphdrainage nicht gescheit funktioniert, das kann man massieren. Aber das Gehirn massieren geht nicht gut.

Nina Ruge: Das ist ein System. Interessanterweise schrumpfen ja auch die Nervenzellen im Gehirn. Sie werden kleiner, wenn man schläft, sodass noch viel mehr Raum für die Glymphe da ist. Das Abtransportieren dieses Schrotts ist schon mal ein wichtiger Punkt. Natürlich ist schlafen und länger schlafen nicht nur für ältere Menschen, die gerade oft nicht gut schlafen können, mit Sicherheit total wichtig.

„Mit der Autophagie stimmt wahrscheinlich dann auch was nicht“

Aber es gibt ja auch noch ein Recycling- und sozusagen Schrottverarbeitungssystem innerhalb der Zellen: die Autophagie. Sie kümmert sich dann wahrscheinlich um die Tau-Fibrillen. Mit der Autophagie stimmt wahrscheinlich dann auch was nicht, wenn man zu Demenz neigt.

Alexander Kurz: Ja, um in dem Bild mit der Müllabfuhr zu bleiben: Die Autophagie ist eine andere Abteilung als die Müllabfuhr. Das ist sowas wie der Wertstoffhof in den Zellen. Wie vorhin gesagt, es gibt viele kleine Bestandteile in der Zelle, Tau, Amyloid und so weiter, alles wird irgendwann zerschnipselt, kleingemacht, gehäckselt von mir aus. Und wenn der Wertstoffhof seine Arbeit getan hat, dann kommt die Müllabfuhr und bringt es weg. Aber vorher muss es kleingemacht, auseinandergeschnipselt werden. Und auch da funktioniert es bei Menschen mit einer Alzheimer-Krankheit nicht gescheit. Das betrifft sowohl das Amyloid als auch das Tau als auch viele andere Zellbestandteile, die nicht ordentlich kleingemacht werden, sodass sie abtransportiert werden können. Also ist der nicht ganz funktionsfähige Wertstoffhof auch daran beteiligt, dass sich außerhalb der Nervenzellen das Amyloid ablagert.

Prävention

Nina Ruge: Ja, dann kommen wir doch jetzt gleich und sofort zum Thema Prävention. Auch Menschen ohne Symptome, Sie und ich, jeder will natürlich vermeiden, dass er in diese furchtbare Situation einer Demenz hineinläuft. Es gibt Lebensstilfaktoren – sie sind klar erkannt – die eine Entstehung von Demenz begünstigen. Und es gibt Lebensstilfaktoren, die, klar erkannt, dabei helfen, sie zu vermeiden. Das wäre ganz, ganz wichtig, dass sie uns diese jetzt beschreiben und uns Mut machen.

Alexander Kurz: Begünstigt wird die Entstehung der Alzheimer Demenz durch geringe kognitive Aktivität. Wenn man sein Hirn nicht benutzt, durch körperliche Untätigkeit, wenn man also auf dem Sofa liegt, wie vorhin schon mal davon gesprochen, übermäßiger Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung, Rauchen, Übergewicht und Mangel an sozialen Kontakten. Also um der Alzheimer-Demenz möglichst zu entgehen oder sie hinauszuschieben, empfehlen sich Alkohol in Maßen genossen. Kleiner Trost: Gar kein Alkohol ist auch schlecht. Verzicht auf Rauchen und Halten eines normalen Gewichtes. Das sind die wichtigsten Lebensstilfaktoren.

Nina Ruge: … die man möglichst konsequent in sein Leben wirklich als Lebensstil dauerhaft integriert. In Sachen Medikamente: Da ist ja die Pharmaindustrie, weil es ja ein gigantischer Markt ist und noch größer werden wird. Da wurden Milliarden investiert und bisher, Sie haben es vorhin auch schon einmal kurz skizziert, keine zu großen Erfolge gezeitigt. Setzt man jetzt wieder stärker, von ärztlicher Seite sowieso, auf Prävention oder gibt es medikamentöse Hoffnungsträger? Was sind jetzt für Sie die wichtigsten Elemente, die Sie Patienten und den Angehörigen empfehlen?

Alexander Kurz: Also nach meinem Eindruck ist nach der Ära der Cholinesterasehemmer und nach der Ära von Memantin ein gewisser Stillstand eingetreten. Neue Medikamente, die man verschreiben kann, gibt es nicht, sie werden erprobt und die besten, die aussichtsreichsten Kandidaten, sind im Moment tatsächlich die Antikörper gegen Beta-Amyloid und Tau.

Nina Ruge: Was empfehlen wir also den Patienten und ihren Angehörigen tatsächlich? Lebensstiländerung in erster Linie und damit entweder Prävention oder Verlangsamung der Entwicklung dieser Krankheit.

Alexander Kurz: Die Medikamente, die es heute gibt, ich habe es schon erwähnt, das sind die Cholinesterasehemmer, soll man auf jeden Fall geben. Sie verlangsamen das Fortschreiten der Symptome um ein halbes Jahr. Vielleicht, wenn es gut geht, um ein Jahr, aber immerhin. Und dann glaube ich, kommt es darauf an, dass man die Eigenständigkeit und Funktionsfähigkeit der Patienten so gut wie möglich erhält. Und das sind die wichtigsten Faktoren meiner Meinung nach: die kognitive Anregung, dass sie also mit dem Gehirn etwas tun, die Ergotherapie ist wichtig und die Physiotherapie ist wichtig. Diese drei Komponenten würde ich zu einem Paket der Versorgung zusammenschnüren. Oder die vier Komponenten: Medikamente, Ergotherapie, kognitives Training und Physiotherapie.

Nahrungsergänzungsmittel

Nina Ruge: Das gilt natürlich für die Patienten, bei denen die Demenz schon so richtig offenbar geworden ist. Wenn es jetzt um die ersten Unsicherheiten geht: Oh, ich bin vergesslich geworden. Ich bin da jetzt auch tatsächlich… weiß nicht, habe ich eventuell… oder hab ich nicht? Wenn es also um die Frühprävention geht, was halten Sie von den Nahrungsergänzungsmitteln, die im Augenblick diskutiert werden und auch erforscht werden zum Thema Stimulation der Autophagie oder eben des Wertstoffhofs, wie Sie es vorhin formuliert haben, also eben die Schrottteilchen aus den Nervenzellen entfernen zu helfen. Dazu gehören Spermidin und Resveratrol.

Alexander Kurz: Das Resveratrol ist ein Antioxidans, also etwas, was Entzündungsprozessen entgegenwirkt. Das ist biologisch außerordentlich sinnvoll, ist im grünen Tee und dem roten Wein enthalten. Aber in beiden ist die Konzentration so gering, dass es wahrscheinlich für die Vorbeugung nicht ausreicht. Das Spermidin, also der Extrakt aus Weizenkeimen, zu dem weiß ich, dass es bei älteren Menschen, die sich Sorgen wegen des Gedächtnisses machen, die Gedächtnisleistung ein klein wenig verbessern kann. Daraus lässt sich aber noch nicht ableiten, dass es eine vorbeugende Wirkung hat. Da müssen noch sehr langfristige und sehr aufwendige Untersuchungen gemacht werden.

Nina Ruge: Kommen wir noch einmal zu der Thematik: die Krankheit ist ausgebrochen. Sie sind im Vorstand der Deutschen Alzheimer Gesellschaft und beschäftigen sich da ganz besonders mit der optimalen Betreuung von Demenzpatienten. Wovon wird denn jetzt eigentlich eine gute Lebensqualität der Patienten bestimmt?

Lebensqualität erhalten helfen – Indeed

Alexander Kurz: Die Lebensqualität von Menschen mit Demenz, die hängt von Dingen ab, die man vielleicht gar nicht vermuten würde. Nicht vom Gedächtnis, nicht von der sprachlichen Leistung, sondern von der Beziehung, in der jemand lebt zu anderen Menschen, von der Aktivität, die er machen kann, von der Teilhabe am Leben, vom körperlichen Wohlbefinden und davon, ob er sich heimisch fühlt in seiner Umgebung. Das sind alles Faktoren, die man beeinflussen kann. Das finde ich so wichtig. Lebensqualität von Menschen mit Demenz lässt sich beeinflussen, lässt sich verbessern und das müssen wir tun.

Nina Ruge: Und da sind Sie in Wissenschaft und Forschung sehr aktiv, haben ein Programm entwickelt, das heißt „Indeed“ und richtet sich an genau diese Menschen, also an die betreuenden Personen von Demenzkranken. Vielleicht beschreiben Sie uns, ich könnte mir vorstellen, dass es gar nicht so weit bekannt ist bisher, was da die Schwerpunkte sind.

Alexander Kurz: Gerne. Ich habe schon erwähnt, dass die Lebensqualität von Menschen mit Demenz bestimmt wird durch Beziehungen, Aktivität, Teilhabe, körperliches Wohlbefinden und Heimischsein. Dafür, meine ich, kann der Arzt wichtige Voraussetzungen schaffen, aber das kriegt er allein nicht hin. Da müssen viele Berufsgruppen zusammen helfen: Ärzte, Kranken- und Altenpflegekräfte, Sozialpädagogen, Stimm-, Sprachtherapeuten, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten. Aber in der Ausbildung von diesen Berufsgruppen, da spielt bisher die Demenz nur eine ziemlich geringe Rolle. Sie wissen zu wenig über Demenz und wie man damit umgehen soll. Jede Berufsgruppe weiß etwas anderes.

Und aus diesem Grund haben wir im Rahmen von dem Projekt, das Sie gerade erwähnt haben, Indeed – die Abkürzung steht für Innovation for Dementia in the Danube Region übrigens mit Unterstützung der EU ein berufsübergreifendes und berufsverbindendes Online-Fortbildungsprogramm entwickelt. Es sorgt für ein gemeinsames und am Menschen ausgerichtetes Konzept der Demenzversorgung. Es kurbelt die Kooperation zwischen den Berufsgruppen an und fördert die Schaffung von innovativen Dienstleistungen und Versorgungsstrukturen. Ich habe den Eindruck, dass es uns gelungen ist, das E-Learning-Programm abwechslungsreich, attraktiv und leicht genießbar zu gestalten.

Nina Ruge: Erscheint mir unendlich wertvoll. Jetzt wollen wir natürlich alle, die wir glücklicherweise nicht an Demenz erkrankt sind, Klammer auf: noch nicht, Klammer zu, natürlich unbedingt wissen, was wir aus Ihrem Munde als wichtigste Punkte, wir haben es alles schon angesprochen, zur Vorbeugung mit nach Hause nehmen. Da hat die Weltgesundheitsorganisation ja Leitlinien im letzten Jahr herausgegeben. Das sind zwölf Punkte. Ich hätte gerne von Ihnen die wichtigsten.

Alexander Kurz: Die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation zur Vorbeugung gegen Demenz beziehen sich sowohl auf medizinische Risikofaktoren als auch auf Risikofaktoren, die mit dem Lebensstil etwas zu tun haben. Unabhängig davon, wie die WHO es selber sieht, möchte ich empfehlen, dass man die medizinischen Risikofaktoren auf jeden Fall angehen soll. Also Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Depressionen und Schwerhörigkeit. Dafür muss man ja selber fast nichts tun, außer zum Arzt zu gehen. Was den Lebensstil anbetrifft, halte ich persönlich körperliche Aktivität, geistige Regsamkeit, Gewichtsreduktion, Nichtrauchen und Mäßigung in Bezug auf Alkohol für am wichtigsten.

Nina Ruge: Moment – Schwerhörigkeit kann mit dem Ausbruch oder zumindest der Entwicklung von Demenz einen Zusammenhang haben?

Alexander Kurz: Ja, Schwerhörigkeit ist sogar ein wichtiger Risikofaktor. Das betrifft nicht Menschen, die von Kindheit an taub sind, sondern diejenigen, bei denen sich die Hörschwierigkeiten in der Lebensmitte einstellen. Warum Schwerhörigkeit mit Demenz zusammenhängt, das weiß man nicht genau. Es könnte sein, dass die Hörminderung sozialen Kontakten im Weg steht oder dass sie den Radius der Aktivitäten eines Menschen einschränkt.

Nina Ruge: Gut. Da muss ich jetzt natürlich fragen, Herr Professor Kurz, was befolgen Sie davon persönlich? Ehrlich, bitte und konsequent.

Was Professor Kurz persönlich für sich tut

Alexander Kurz: Ja, also ich habe seit einigen Jahren erhöhten Blutdruck, den hat mein Internist aber perfekt im Griff. Und meine Blutfettwerte, die waren grenzwertig. Deswegen bin ich Vegetarier geworden, auch aus ethischen Gründen. Ich treibe viel mehr Sport als früher. Wenn Sie es gerne wissen möchten, im Sommer Radeln und Schwimmen, im Winter Nordic Walking und Langlaufen. Und ich halte mein Gewicht. Geistig hält mich die Arbeit an der Uni und mein Ehrenamt bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft auf Trab. Außerdem habe ich schon vor dem Beethoven-Jahr wieder mit dem Klavierspielen angefangen. Ich rauche nicht und abends trinke ich gerne ein Gläschen Wein.

Nina Ruge: Herr Professor Kurz, das war jetzt wirklich außergewöhnlich, zum einen tiefgründig und zum Zweiten wirklich informativ und letztlich auch motivierend. Informationen zur Entstehung, zur Therapie und zur Vorbeugung von Alzheimer-Demenz. Danke, Herr Professor Kurz.

Alexander Kurz: Ich danke Ihnen, sehr gern!

Nina Ruge: Und für Sie, werte Hörerinnen und Hörer, jetzt noch ganz kurz ein kleiner Ausblick auf die nächsten Folgen. Also diese Informationen, die uns Herr Professor Kurz geliefert hat, das ist natürlich Grundlage, die wir unbedingt brauchen für die nächsten fünf Podcasts dieser Zellfrisch-Reihe und da werden uns weitere Experten erläutern, was man heute über Möglichkeiten weiß, die Autophagie, also das Selbstreinigungssystem oder den Wertstoffhof, wie Herr Professor Kurz sagte, der Zellen zu stimulieren und hier besonders die Bedeutung des Fastens, der Ernährung und den Forschungsstand zum Hoffnungsträger Spermidin skizzieren. Doch das nächste Mal wird zunächst eine wunderbare Kollegin davon berichten, wie sie einen herzlichen und sogar heiteren Umgang mit ihrem demenzkranken Vater gefunden hat. Darüber hat sie ein vielbeachtetes Buch geschrieben: Bettina Tietjen. Also bis dann, seien Sie dabei bei Zellfrisch.

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Zellfrisch – der “unvergessliche” Podcast über Alzheimer und Demenz präsentiert von spermidineLIFE®. Der Spezial-Extrakt mit hohem Spermidingehalt. Das Original gibt es jetzt rezeptfrei in der Apotheke.

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