Neue Charité-Studie zu Spermidin bei SARS-CoV-2

Ein Team von Wissenschaftlern rund um Prof. Drosten und PD. Dr. Müller von der Berliner Charité stellt der Öffentlichkeit jetzt eine aufsehenerregende neue Studie als Vorabdruck vor.1 Darin präsentieren die Forscher einen möglichen Angriffspunkt für die Bekämpfung von SARS-CoV-2, dem Coronavirus, das in Deutschland zurzeit für mehr als 130.000 COVID-19-Erkrankungen verantwortlich ist (16.04.2020).2

SARS-CoV-2 blockiert die Autophagie in infizierten Zellen

In ihrer Studie fanden die Wissenschaftler heraus, dass eine Coronavirus-Infektion in menschlichen Lungenzellen zu einer Blockierung der sogenannten Autophagie führt. Die Autophagie ist ein wichtiger Recyclingprozess unseres Zellstoffwechsels. Von der Autophagie wusste man bereits, dass sie als zelluläre Abfallentsorgung nicht nur beschädigte Zellbestandteile, sondern auch Krankheitserreger wie zum Beispiel das MERS-Coronavirus entsorgt.3

Reduzierte Spermidin-Level nach SARS-CoV-2-Infektion

In der aktuellen Charité-Studie stellte sich weiterhin heraus, dass eine Infektion mit SARS-CoV-2 die zelleigenen Spermidinmengen verringert. Unabhängig von dieser Arbeit ist von Spermidin bereits bekannt, dass diese natürliche und körpereigene Substanz die Autophagie auslöst. Somit lag die Idee nahe, dass man durch die Gabe von Spermidin möglicherweise die SARS-CoV-2-Infektion in den Zellen beeinflussen könnte. Und tatsächlich: Die Vermehrung des neuen Coronavirus wurde in den infizierten Zellen durch Verabreichung von Spermidin effektiv gehemmt – als die Forscher Spermidin zu den infizierten Zellenkulturen gaben, wurde die Virusvermehrung um rund 85% gesenkt.

Spermidin auch wirksam in der Vorbeugung

Mehr noch: Auch eine Vorbehandlung gesunder Zellen mit Spermidin konnte im Zellkulturexperiment eine nachfolgende Infektion mit SARS-CoV-2 um 70 % vermindern. Die Gabe von Spermidin stellt somit einen neuen Angriffspunkt für die Bekämpfung und sogar die Prophylaxe des neuartigen Coronavirus dar.

Vielversprechender Ansatz – der allerdings erst noch im Menschen erprobt werden muss

Die Autoren der Studie sind hoffnungsvoll, dass mit Spermidin wegen der guten Verträglichkeit möglicherweise ein vielversprechender Kandidat für die Behandlung von SARS-CoV-2-Infektionen zur Verfügung stehen könnte. Ob und wie weit sich diese neuen Erkenntnisse aus dieser Zellkulturstudie allerdings auch auf eine therapeutische und prophylaktische Anwendung beim Menschen übertragen lassen, ist derzeit unklar. Zur weiteren Erforschung des möglichen Potentials von Spermidin bei der Bekämpfung der Pandemie sind weitere wissenschaftliche Untersuchungen erforderlich. Doch schon jetzt lässt sich erahnen, dass Spermidin als wirksamer Aktivator der Autophagie möglicherweise noch weit mehr kann als bislang angenommen.

Quellen

(1) https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2020.04.15.997254v1
(2) https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Fallzahlen.html
(3) Gassen et al. SKP2 attenuates autophagy through Beclin1-ubiquitination and its inhibition reduces MERS-Coronavirus infection. Nat Commun (2019)